Chronik eines angekündigten…

… und in diesem Fall verdammt nochmal VERDIENTEN Todes!

Amazon sei die Mörderin der kleinen, lokalen Buchläden, so sagt man. Buchläden starben ja vor ein paar Jahren in der Tat allerorten. Bücher sind eben in so vielerlei Hinsicht das perfekte Produkt für den Internethandel, Verbraucher sind faul und undankbar und werden — früher oder später — ihre Quittung für die Beihilfe zum Mord an den Buchläden schon noch bekommen.

Und irgendwie traurig ist es ja schon.

Buchläden — die letzte Bastion des intellektuellen Bildungsbürgertums, eine der letzten Soap-, Talk- und ganz allgemein vollidiotenfreien Zonen, die Auslandsvertretungen einer besseren Parallelwelt, in der die Menschen nicht nur lesen und denken können, sondern das auch wollen und (wichtig!) TUN. Bibliophile Angestellte, gemeinhin beneidet darum, dass sie ihre Leidenschaft zum Traumberuf gemacht haben, schweben lautlos an den Regalen vorbei, schieben hier und da einen Buchrücken zurecht, sortieren nach einem zeitvergessen-hastigen Aufbruch die achtlos irgendwo liegengelassenen und angelessenen Bücher ebenso zielstrebig wie nachsichtig zurück, überfallen die Gäste nie mit einem penetranten “Kann ich Ihnen helfen??”, materialisieren sich aber auf fast beängstigende Weise in genau dem Moment, in dem es angenehm wäre, mit jemandem über Bücher zu sprechen. Oder über ein bestimmtes Buch. Oder über einen Autor oder eine Autorin. Sie kennen fast alle, haben fast alles gelesen und starten schon nach wenigen Sätzen eine treffsichere “Ach wenn Ihnen das gefallen hat, dann werden Sie dieses sicher auch mögen!” Analyse. Es folgt eine kurze Inhaltsangabe, eine politische, historische oder geographische Einordnung (wo möglich und sinnvoll) und dann überreichen sie das Buch würdevoll, fast feierlich.

NOT!

 

Bei Hugendubel war ich. Was für ein beschissener Albtraum. Die sortieren die Bücher NACH FARBEN. Ernsthaft. Wenn man es unbeschadet an den monströs aufgeschichteten Follet, Brown & Meyer Bollwerken aus literarischem Junkfood vorbeigeschafft und die kleineren Aufschichtungen (Larson, Nesbø, Hirschhausen) umrundet hat, stellt man fest: Die sortieren die Bücher tatsächlich NACH FARBEN. Wer denkt sich sowas aus? Ein Tisch mit blauen Büchern. Ein Tisch mit gelben, orangen und roten Büchern (den Farbspektrum folgend sortiert), ein Tisch mit grünen Büchern. Ein Tisch mit weissen Büchern.

Die Kinderbuch-Abteilung besteht aus drei Tischen (rosa, blau und schwarz, also vermutlich Mädchen, Junge und schwer erziehbar) sowie einer handvoll Regalen, die nach Kriterien wie “Lillifee” oder “wilde Kerle” sortiert sind. Fast verschämt passen die Klassiker (Lindgren, Kästner, Blyton & Co.) irgendwo in eine der unteren Reihen. Eine gehetzte Verkäuferin, die mit der Frage nach Nesbø in der Kinderabteilung vollkommen überfordert ist. “Also Jo Nesbø haben wir vorn am Eingang.”. Sie sagt das so, als seien die obszön aufgestapelten Bücher irgendwie zu übersehen gewesen. Schlimmer: Wahrscheinlich wird sie dutzendfach gefragt — von Leuten, die die Stapel tatsächlich “übersehen” haben. Also kein Doktor Proktor. Saustall. Meine Laune sinkt, sofern das überhaupt noch möglich ist. Kinderbuch, 10 Jahre, gern mit naturwissenschaftlich-technischem Einschlag, den Interessen des zu beschenkenden Kindes folgend. Ich sehe sie fragend an, sie glotzt kuhäugig zurück. Nach wenigen Worten gebe ich auf und drehe mich wortlos um — diese Person ist überfordert, ahnt nichtmal ansatzweise, was ich von ihr erwarte und wird mir auf keinen Fall helfen können. Telefon, Nike anrufen. “Das magische Baumhaus” sagt sie. Gute Idee, die Serie kenne ich, ich lege den ersten Band der Spiderwick Geheimnisse wieder zurück.  “Das magische Baumhaus. Das große Forscherhandbuch” ist sogar da, wenigstens etwas.

Jetzt nur noch schnell zur Kasse. Nur zwei Kassiererinnen und eine Schlange, die sich an den (dadurch langsam abschmelzenden) Folletgebirgen vorbei, durch die Larsonverwerfungen bis in die fiesen Droemer/Knaursümpfe erstreckt, hinter denen die dunklen Schätzinggletscher aufragen. Der schwitzende Mann hinter mir schleppt 2x Jamie Oliver und 1x Herta Müller zur Kasse, was ich irgendwie beängstigend finde.

Ich blende die unwirtliche Umgebung aus und werfe zum Zeitvertreib einen Blick in meine E-Mails.

Liebe Kundin, lieber Kunde!

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Weitere Empfehlungen für Sie:

Smoke and Mirrors (Taschenbuch) von Neil Gaiman (Autor)

The Steel Remains (Gollancz) (Taschenbuch) von Richard Morgan (Autor)

Briefe aus New York (Gebundene Ausgabe) von Helene Hanff (Autor), Susanne Höbel (Übersetzer)

Der Prozess (Gebundene Ausgabe) von Franz Kafka

Ich grinse. Bei einer Empfehlung werde ich gutmütig “gehört mir bereits” ankreuzen. Man darf Bücher aus der Zeit vor Amazon besitzen.

Schließlich zahle ich wortlos, lehne eine Plastiktüte mit einer unwirschen Handbewegung ab und kehre dem Laden den Rücken. Hoffentlich für sehr lange Zeit.

Wenn dieser Laden irgendwann stirbt, werde ich meinen Beitrag dazu geleistet haben.

6 thoughts to “Chronik eines angekündigten…”

  1. Jo, ich bin teils ja auch noch in den Buchhandel gegangen, einfach in der Hoffnung, das begehrte Stück direkt in der Hand zu haben. Es hat nicht einmal geklappt. Was hilft es mir, wenn sie es bestellen und ich es morgen abholen kann. Hier, 20km von zuhause entfernt. Was hilft es mir, wenn ich dafür 4 Angestellte anbetteln musste, dass sie nachgucken, weil ich es bereits VOR dem ersten Nachfragen eben nicht in dem entsprechenden Regal gefunden habe, wo mir 4 Angestellte hinschicken?
    Ich fahr also 4 mal die Strecke, schlag mich ne halbe Stunde mit unfreundlich dämliche Leuten rum.. genau. Nee, 4 Clicks und ich habs am nächsten Tag zum Mittag auf meinem Tisch.

  2. Und dank verschiedener Rezensionen von Lesern kann man sich sogar einen kleinen Überblick verschaffen, was einen in dem Buch erwartet. Und wer mag, kauft sich eine gebrauchte Ausgabe (zT echt neuwertig) und kann gleich noch vom gesparten Geld ein weiteres Buch kaufen. UND – wer es nicht mag, kann es sogar zurückgeben, ganz ohne Streß und ohne größeren Aufwand.
    Also, ich liebe Amazon ^^
    Müssen die guten Buchverkäufer halt umdenken und um Anstellung bei Internetbuchhandeln ersuchen, wo sie ihre Fähigkeit und Neigung wieder zum Gewinn der Kunden präsentieren können.

  3. wo sie ihre Fähigkeit und Neigung wieder zum Gewinn der Kunden präsentieren können.

    Ehm. Nicht, das (in einigen Fällen) etwas dagegen spräche, aber das ist eine ganz andere Branche dann, oder? 😉

  4. Hmm, ist immer noch Bücher verkaufen und lesen, nur nicht mehr vis-a-vis, sondern ohne nervige Kunden und massenwirksam.
    Ich würd dann noch ne Textpassage vertonen/kopieren und in die Rezension packen und schon wär ich als Kunde begeistert.
    Einziger “Nachteil” ist dann die fehlende Selbständigkeit, aber da das als Buchverkäufer ja eh wie der Gang Jesu nach Golgatha abläuft, vielleicht nicht die schlechteste Alternative.
    Aber naja – eigentlich auch egal, ich komm eh kaum noch zum Lesen und kauf die Dinger nur 😉

  5. Schatz, den ersten Band der Spiderwick Geheimnisse habe ICH Deinem Sohnemann schon geschenkt. Vor zwei Jahren oder so. :p

    Du hast natürlich Recht. Wobei man dazu sagen muß, daß die schleichende Mutation vom Buchladen zum Amüsiertempel natürlich auch auf den Rückzug der Buchliebhaber ins Internet zurückzuführen ist – zumindest teilweise. Hugendubel, die Mayersche und Co sind ja nicht eingegangen – die kleinen Buchläden sind’s. (Wobei es noch einige wenige gibt, zum Beispiel in Wiehl in der Fußgängerzone, ja wirklich!).

    Allerdings muß ich mich sicherlich schuldig bekennen: Ich war eine der ersten, die sich mit haut und Haaren Amazon verschrieben hat. Warum DIE mittlerweile allerdings auch Schuhe, Hautcreme und Playmobil verkaufen, will mir ebenso wenig in den Sinn.

  6. Hi,

    letztes Wochenende waren meine Tante und ihr Mann in Berlin.
    Beides (ehemalige) Buchhändler mit Leib & Seele.
    Für sie ist Amazon der “Satan”…da würden sie nie bestellen.
    ABER!!!
    Sie wundern sich wenig, dass so viele Leute dort einkaufen.
    Die meisten Buchhandlungen werden von großen Ketten geschluckt und die Qualität des Sortiments (viele Besteller in den Laden stellen, kauft ja jeder contra breitem Sortiment über alle Bereiche) und der Mitarbeiter (ohne PC finden die kaum etwas und können keine qualifizierten Querverweise machen) nimmt rapide ab.
    Und Amazon bietet beides…ein sehr breites Sortiment und gute Beschreibungen und Querverweise auf ähnliche Bücher.
    Und wenn man nicht genau weiß wo nach man suchen will…es reicht ein ungefährer Suchbegriff und normalerweise ist man dann nach ein paar Klicks bei seinem Buch angekommen.

    Größtes Hindernis für meine Tante ist auch eher die Tatsache dass sie Bankdaten “im Internent” hinterlegen müsste…
    Aber das habe ich ihr dann mal genauer erklärt. 😉

    Gruß,
    Chris

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