Das Internet ist voller Verrückter

Vermutlich sieht Familie Hirte das ganz genauso. Der Münchner Christoph Hirte hat sich nämlich sehr bemüht, eine Internetseite zu gestalten, auf der er nach Herzenslust gegen Computerspiele wettern kann.

Das wäre an sich natürlich nicht bemerkens- und schon gar nicht berichtenswert, aber der gütige Hirte (hahaha) tut das mit einem solchen Pathos, dass das Ergebnis mehr als nur “unfreiwillig komisch” geraten ist.

Menschen, die “es ja nur gut gemeint haben”, fand ich immer schon sehr gefährlich und so vermittelt auch diese Seite einen sehr schönen Einblick in die beschränkte Welt eines christlichen Gutmenschen.

Aber warum tut Familie Hirte uns das an?

Warum stellt sie Sätze wie diese ins Internet:

Auf Umwegen kam uns zu Ohren, dass er sein Studium bis auf Weiteres auf Eis gelegt hatte und vorübergehend bei einer Online-Bekannschaft untergeschlüpft war. Bedingt durch einen Wasserrohrbruch musste die Hausverwaltung in seine verlassene Wohnung und fand diese in einem völlig verwahrlosten Zustand vor.

Alarmiert durch diese für uns unfassbare Tatsache, beschlossen wir, seinen -wie wir gedacht hatten- Wunsch nach Distanz nicht weiter zu respektieren und standen schließlich unangemeldet vor der Tür seiner Bekannten. Erst jetzt kamen wir hinter das Geheimnis seiner tiefgreifenden Veränderung und emotionalen Verarmung:

O n l i n e r o l l e n s p i e l s u c h t !

Um es kurz zu machen: Ein Spross dieser Familie ist vom braven Studenten zum hardcore WoW Spieler mutiert.

Und jetzt ist WoW schuld. Also Blizzard. Beziehungsweise das Internet. Diese ganzen Computerspieler, die eh alle süchtig sind. Und Drogen nehmen. Und die Politiker sind schuld. Härtere Gesetze müssen her.

Keinesfalls schuld sind jedenfalls die Eltern. Die können nichts dafür. Die haben’s ja nur gut gemeint. Immer.

Natürlich kann ich nicht beurteilen, wie es dazu kommen konnte — und auch Mutmaßungen dahingehend, dass möglicherweise jemand versäumt haben könnte, dem verständnisvoll behüteten jungen Mann all das mitzugeben, was er für den Sprung aus einem christlich-konservativen Elternhaus ins echte Leben benötigt hätte, stelle ich gar nicht erst an.

Deprimierend ist, dass das teuflische Internet auch den Hirten dieser Welt eine Plattform bietet, über die sie ihre subjektive und unreflektierte Sichtweise polemisch in die ganze Welt schreien können.

Noch wesentlich deprimierender ist allerdings, dass es noch viel mehr Menschen gibt, die nickend daneben stehen und den beiden “schon irgendwie Recht geben müssen, so ein Stück weit”. Die die uninformierte und von jeglicher Fachkenntnis befreite Polemik gekränkter Eltern mit sachlicher Information verwechseln. Da muss man wirklich mal was machen. Vielleicht ein Gesetz. Oder sowas.

Ab und an aber — und das ist der Grund für diesen Blogeintrag — finden sich gerade in den (auf der Seite gar nicht so leicht zu findenden) Foren ein paar echte Perlen:

Suchen sie den Dialog mit Kindern, nicht das Verbot.

Ich habe keine Angst das hier irgendwann kein Wasser mehr auf der Wand kommt, weil zuviele Leute vorm PC gefangen sind. Ich habe keine Angst das eine ganze Generation dasteht udn fragt warum wir sie haben Computer spielen lassen.

ICh habe höchstens Angst das uns irgendwann eien Generation Fragt warum wir versucht haben tote Pixelmänchen zu verbieten, aber Guantánamo Bay mal übersehen haben.

(Am Rande bemerkt finde ich faszinierend, dass der/die Schreiber(in) dieses Beitrages nicht allzuviel Mühe auf Nebensächlichkeiten wie “Rechtschreibung” verwandt, aber dennoch (wikipedia copy/paste?) das Akzentzeichen bei “Guantánamo” richtig gesetzt hat.)

…. und ganz im Ernst, eigentlich ist es für die Familie noch ganz gut gelaufen: Wenn die Mutter dem WoW-Zocker in seiner Kindheit sowas vorgesungen hat, dann hätte auch etwas WESENTLICH SCHLIMMERES aus ihm werden können!

Den erwähnten ARD Bericht habe ich leider verpasst. Enttäuschenderweise nicht, weil ich auf der Suche nach der Argentumwache Thaelrid in der Tiefschwarzen Grotte war (den braucht mein kleiner Mage für sein Grabsteinszepter) sondern weil ich ganz profan mit ein paar Freunden beim Bowlen war. Die Chancen stehen aber nicht schlecht, dass der Bericht demnächst in der extrem unübersichtlichen Mediathek der ARD zur Verfügung stehen wird.

Bis dahin: Viel Spass mit der Realsatire auf www.rollenspielsucht.de.

Nachtrag: 20. August 2008 — Wie nicht anders zu erwarten war, haben die “objektiven Aufklärer” meine Forenbeiträge natürlich zensiert und auch meinen Link auf ihre Seite (den ich hier ja zweifelsohne eingefügt habe) wollen sie in ihrer Linkliste nicht aufführen.

…. oder auch, wie Big Lebowski sagen würde: “Bekackte Amateure!”
😉

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